Mehr als Schmunzeln, nämlich herzlich lachen, musste ich, als mir vor ein paar Tagen, bei einem Freund mit interessant bestücktem Bücherregal, der DDR-Jugendbuchklassiker “Denkst Du schon an Liebe?“ zuerst ins suchende Auge und dann in die blätternden Hände fiel. Zur Gestaltung des inneren Buchdeckels waren dort Zeilen in Schülerschreibschrift abgedruckt, die wohl Leserbrieffragen darstellen sollten. Für Grünschnäbel und Westler, für Uninformierte also, muss ich vorab vielleicht noch erwähnen, dass jene Lektüre so etwas wie eine sozialistische Dr. Sommer-Sprechstunde darstellte. Die abgedruckten Fragen jedenfalls waren 1A-Sahne-Fragen und nicht zu vergleichen mit denen, die von frühreifen Kindern heutzutage in einschlägigen Teenager-Zeitschriften formuliert werden. „Wo geht er mit sein Glied rein, wenn die Befruchtung herbeigeführt werden soll?“ gefiel mir am besten. Auch wegen der niedlichen Dativfehlkonstruktion. Eine Anfrage hätte sicher alles in Grund und Boden getoppt. Leider fehlte der Satzanfang. Sie endete mit der unübertrefflichen Phrase „… an unsere sexuellen Aufgaben herangeführt werden?“ Da schwingt sozialistische Ergebenheit ebenso wie die Einsicht in die Notwendigkeit mit. „Das Ficken ist des Mannes Pflicht, damit der Staat Soldaten kricht!“ war seinerzeit ein geflügeltes Wort.
Leider hält das Buch nicht, was es im Innendeckel verspricht. Es werden keine Fragen beantwortet, sondern seitenlange Abhandlungen in wissenschaftlichem Tonfall geboten. Hin und wieder ließ sich der Autor zu altjüngferlichen Ratschlägen hinreißen, etwa derart, dass Männer stets nur daran denken, wie und wo sie am schnellsten mit ihr Glied reingehen und dabei ganz die Erfüllung ihrer sexuellen Aufgaben (Herbeiführung der Befruchtung?) vernachlässigen. Andererseits gäbe es auch unrühmliches Weibsvolk, jene mit kurzen Röcken und tiefgeschnittenem Dekolletee, die junge Männer anzulocken suchen, um mal wieder richtig gebügelt zu werden. Diese seltsamen 50er-Jahre-Ansichten, die bis in die frühen 80er neu aufgelegt wurden, erklären dann wohl auch die überaus neckischen Fragen. Ich hatte das Buch als Jugendlicher nie in der Hand und habe so meine sexuelle Entwicklung bisher ganz befreit von Befruchtungsaufgaben vorantreiben können. Wie es wohl Menschen erging, die nicht so viel Glück hatten wie ich?
Geschrieben von brillero
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